Zwei Stunden auf einer Liege, eingepackt in einen Schlafsack, bei gut acht Grad und in Luft, die mit Wasserdampf gesättigt ist: So beschrieb das Deutsche Ärzteblatt 1997 einen Tag im Heilstollen. Auf der Website der Grube Bindweide im Westerwald zeigt ein Foto genau diese Szene, eine Frau im roten Schlafsack auf einer Liege unter Tage. An dem Bild hat sich in drei Jahrzehnten wenig geändert.
Ein Heilstollen ist kein Bergwerk, das man besichtigt, sondern ein Teil davon, der für eine Behandlung genutzt wird. Viele Heilstollen in Deutschland liegen in ehemaligen Gruben, die heute auch Besucherbergwerke sind. Diese Seite erklärt, was hinter der Speläotherapie steckt, welche Arten von Heilstollen es gibt, wer sich im Deutschen Heilstollenverband zusammengeschlossen hat und in welchen Besucherbergwerken aus der Übersicht der Besucherbergwerke ein Heilstollen betrieben wird.
Vorab das Wichtigste: Über eine Therapie entscheidet ein Arzt, nicht ein Ratgeber. Was hier zu Wirkungen steht, sind Angaben von Betreibern, Verbänden und Fachartikeln, und sie sind als solche gekennzeichnet.
Was ein Heilstollen ist: Speläotherapie erklärt
Wikipedia definiert die Speläotherapie als „Behandlung in einer so genannten Heil- oder Klimahöhle“ und nennt als gleichbedeutende Begriffe Höhlentherapie, Untertage-Klimatherapie und Heilstollentherapie. Das Besucherbergwerk Tiefer Stollen in Aalen beschreibt die Heilstollentherapie als Behandlung von Patienten mit Atemwegserkrankungen unter Tage. Der Deutsche Heilstollenverband ordnet sie laut einem Bericht von inFranken.de als „Sonderform der Klimatherapie“ ein.
Eine rechtliche Definition gibt es auch. Die bayerische Verordnung über die Anerkennung von Kur- und Erholungsorten nennt in § 9 einen „Ort mit Heilstollenkurbetrieb“: einen Kurort, der über einen Stollen verfügt, „z.B. eine Höhle oder ein Bergwerk“, dessen spezifische Eigenschaften therapeutisch genutzt werden. Klima und Luftqualität im Stollen müssen wissenschaftlich anerkannt sein und periodisch überprüft werden. Ein Heilstollen ist also mehr als ein kühler Stollen. Seine Luft wird gemessen, und zwar regelmäßig.
Was an dieser Luft anders ist, beschreiben die Quellen ähnlich: Sie ist kühl, sehr feucht und arm an Staub. Wikipedia und das Ärzteblatt erklären das mit der Feuchtigkeit, an der Staubteilchen, Pollen und andere Allergene hängen bleiben, sodass sie sich an Wänden und Boden niederschlagen, statt in der Luft zu schweben. Die Stadt Saalfeld gibt für das Emanatorium der Feengrotten amtliche Messungen wieder, nach denen die Luft dort praktisch frei von Pollen und Staub ist.
Wofür die Betreiber ihre Heilstollen einsetzen, ist ebenfalls einheitlich: für Erkrankungen der Atemwege. Wikipedia und das Ärzteblatt nennen unter anderem Asthma bronchiale und chronische Bronchitis als Anwendungsgebiete. Das sind die Angaben der Anbieter und der Literatur. Ob die Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, klärt der behandelnde Arzt.
Heilstollen in Deutschland: Klima, Radon und Salz
Nicht jeder Heilstollen arbeitet mit derselben Luft. Drei Typen lassen sich unterscheiden, auch wenn die Grenzen in der Praxis fließend sind.
Klimastollen
Beim Klimastollen zählt allein das Klima: kühl, feucht, staubarm. So beschreiben etwa Aalen, Neubulach, Bodenmais und Schmiedefeld ihre Stollen. Wie die meisten Heilstollen Deutschlands, die Wikipedia in ihrer Liste der speläotherapeutischen Einrichtungen führt, liegen sie in ehemaligen Bergwerken; natürliche Höhlen wie die Kluterthöhle in Ennepetal oder die Teufelshöhle in Pottenstein sind dort die Ausnahme. In Neubulach im Nordschwarzwald wurde 1972 im Hella-Glück-Stollen des alten Silberbergwerks eine Therapiestation zur Behandlung von Atemwegserkrankungen eingerichtet, so Wikipedia und eine Ortsbeschreibung der „Straße der Kälte“. Wikipedia bezeichnet Neubulach heute als heilklimatischen Kurort mit Heilstollenkurbetrieb.
Radonstollen
Bei einem zweiten Typ spielt das radioaktive Edelgas Radon eine Rolle. Das bekannteste deutsche Beispiel liegt in Bad Kreuznach. Dort wurde 1912 ein Inhalatorium eingerichtet, das Luft aus einem alten Bergwerksstollen nutzte; das berichten showcaves.com und das Tourismusbüro der Stadt. Was in dem Stollen ursprünglich abgebaut werden sollte, geben die beiden Quellen unterschiedlich an: showcaves.com nennt Porphyr, Bad Kreuznach Tourismus eine Quecksilbermine. Für die Radoninhalation in Bad Kreuznach muss nach Angaben der Stadt ein ortsansässiger Badearzt die Behandlung verordnen; er legt auch Zahl und Dauer der Sitzungen fest. Als Anwendungsbeispiel nennt Bad Kreuznach Tourismus rheumatische Schmerzen.
Auch das Emanatorium in den Saalfelder Feengrotten verweist schon im Namen auf Radon. „Radiumemanation“ war die alte Bezeichnung für das Gas. Der Stollen öffnete am 10. September 1937, nach Darstellung der Stadt Saalfeld als Deutschlands erster Heilstollen dieser Art; Wikipedia nennt ihn einen der ersten. Die Saalfelder Darstellung führt die Wirkung neben der reinen Luft auch auf eine sehr geringe natürliche Radioaktivität zurück. Das ist die Sicht ihres Autors, der die Sanierung der Grotten ab 1987 geleitet hat, und kein unabhängiger Befund.
Der Gasteiner Heilstollen bei Böckstein, den rheuma-online und Wikipedia beschreiben, liegt übrigens nicht in Deutschland, sondern im Salzburger Land.
Salzstollen
Der dritte Typ nutzt Salz. Direkt am Salzbergwerk Berchtesgaden liegt der Salzheilstollen, der seit 1990 genutzt wird, so Wikipedia und showcaves.com. showcaves.com bezeichnet die dort angewandte Halotherapie offen als umstritten und hält fest, dass eine eindeutige medizinische Studie dazu fehle. Die Wikipedia-Liste der speläotherapeutischen Einrichtungen vermerkt beim Berchtesgadener Stollen „Gesundheitseinfahrten“, also keine Therapie im engeren Sinn.
Davon zu unterscheiden sind Salinen und Gradierwerke. Die Alte Saline Bad Reichenhall etwa ist kein Heilstollen, sondern eine historische Saline; ihre Sole wird heute für Kur- und Gesundheitszwecke genutzt. Wer sich für Salz unter Tage interessiert, findet mehr auf der Seite über Salzbergwerke.
Wie alles anfing: Luftschutzstollen und eine Höhle in Ennepetal
Die Geschichte der Heilstollen in Deutschland ist eng mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Das Aalener Bergwerk erzählt die Anfänge so: In der Kluterthöhle in Ennepetal suchten während der Luftangriffe Menschen Schutz, und Asthmatikern ging es dort auffallend besser; nach dem Krieg wurde die Höhle zur Therapiestation ausgebaut. Wikipedia bestätigt, dass die Kluterthöhle im Zweiten Weltkrieg bis zu 4.000 Menschen als Luftschutzraum diente und seit Mitte der 1950er-Jahre für Lungenkuren genutzt wird.
Saalfeld war früher dran. Das Emanatorium öffnete 1937, also vor dem Krieg, ruhte dann lange und wurde 1994 wieder eröffnet, so die Stadt Saalfeld und Wikipedia. 2017 erhielt Saalfeld das Prädikat „Staatlich anerkannter Ort mit Heilstollenkurbetrieb“.
Eine Nebenbemerkung zur Sprache: Die Begriffe wechseln je nach Ort. Bodenmais spricht von Stollentherapie, Lam von Therapiestollen, Aalen von Asthmatherapie, Saalfeld von Inhalation. Gemeint ist im Kern dasselbe.
Der Deutsche Heilstollenverband
Die Betreiber haben sich früh zusammengetan. 1990 gründeten Kurorte, die in Höhlen und Bergwerken Speläotherapie anbieten, den Deutschen Speläotherapie-Verband; die Zeitschrift „Die Höhle“ meldete damals sieben Gründungsorte und Aalen als Sitz, und das Aalener Bergwerk nennt als Gründungstag den 24. März 1990. Ein Ziel stand von Anfang an im Vordergrund: Die Krankenkassen sollten die Speläotherapie als Heil- und Kurmittel anerkennen. Dass sie das lange nicht taten, beschrieb auch das Ärzteblatt 1997, das bereits von zwölf Kurorten in diesem Verband berichtete.
Heute tritt der Zusammenschluss als Deutscher Heilstollenverband auf. Wie viele Mitglieder er hat, geben die Quellen unterschiedlich an: Wikipedia spricht von zehn Orten, eine Pressemitteilung des Deutschen Heilbäderverbands aus dem Jahr 2026 von zwölf Heilstollenbetrieben. Dieselbe Mitteilung nennt Neubulach als Adresse der Studienleitung des Verbands.
Eine vollständige, öffentlich zugängliche Mitgliederliste ließ sich in unabhängigen Quellen nicht finden. Belegt sind einzelne Mitglieder: die Feengrotten in Saalfeld, deren Zugehörigkeit die Stadt Saalfeld beschreibt, und die Teufelshöhle in Pottenstein, die inFranken.de und das Reiseportal „Kurz mal weg“ als Mitglied nennen. Nach Darstellung der Stadt Saalfeld und des Heilbäderverbands müssen die angeschlossenen Heilstollen festgelegte Qualitätskriterien erfüllen. Wer wissen möchte, ob ein bestimmter Stollen dazugehört, fragt am besten direkt beim Betreiber.
Neben dem Verband gibt es staatliche Prädikate. Baden-Württemberg kennt den „Ort mit Heilstollen-Kurbetrieb“ schon länger; der Bayerische Landtag verwies 2016 auf § 8a des baden-württembergischen Kurortegesetzes, als er über die Einführung des Prädikats in Bayern beriet. Inzwischen steht es in der bayerischen Anerkennungsverordnung.
Heilstollen in Bayern
In Bayern ist die Auswahl überschaubar. Am bekanntesten ist der Salzheilstollen in Berchtesgaden, ein eigenes Angebot neben dem Salzbergwerk. Im Silberbergwerk Bodenmais im Bayerischen Wald wird in einem Nebenstollen Stollentherapie angeboten, die sich an Menschen mit Atemwegserkrankungen richtet; das beschreiben Wikipedia und showcaves.com. Auch dort gehört die Therapie nicht zur Führung durch den Barbarastollen.
In Oberfranken ist die Teufelshöhle in Pottenstein der Ort mit Heilstollentherapie. Sie ist eine Tropfsteinhöhle, kein Bergwerk. Laut „Kurz mal weg“ bietet sie Kuraufenthalte für Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen an, und inFranken.de weist die Heilstollentherapie dort als eigenes Angebot aus.
Eine Lücke hat Bayern seit 2018. Damals schlossen in Lam im Bayerischen Wald das Besucherbergwerk und der Therapiestollen der Fürstenzeche, so showcaves.com und der Tourismusverband Ostbayern. Das Bergwerk führt seit 2024 wieder Besucher. Ob auch der Therapiebetrieb zurückgekehrt ist, geht aus unabhängigen Quellen nicht hervor.
Im Fichtelgebirge selbst gibt es nach den ausgewerteten Quellen keinen Heilstollen. Am Gleißinger Fels in Fichtelberg geht es um Eisenglimmer und Bergbaugeschichte, nicht um Kuren.
Heilstollen im Besucherbergwerk: die Gruben aus dem Katalog
Ein Heilstollen im Besucherbergwerk hat einen praktischen Vorteil: Der Stollen ist bereits gesichert und bekannt, und es gibt einen Betreiber, der sich um ihn kümmert. In Saalfeld und Aalen ging der Therapiebetrieb nach den Darstellungen von Stadt und Bergwerk auf bergamtliche Genehmigungen zurück. Die folgenden Gruben aus dem Katalog haben nach mindestens zwei Quellen einen Heilstollen.
| Name | Ort | Bundesland | Erz oder Art |
|---|---|---|---|
| Besucherbergwerk Neubulach (Hella-Glück-Stollen) | Neubulach | Baden-Württemberg | Silber und Kupfer (Fahlerz, Azurit, Malachit), später Wismut |
| Besucherbergwerk Tiefer Stollen | Aalen-Wasseralfingen | Baden-Württemberg | Eisenerz (Dogger); Grubenbahn, Heilstollen |
| Besuchsbergwerk Teufelsgrund | Münstertal | Baden-Württemberg | Silber, Blei, später Flussspat |
| Historisches Besucherbergwerk Silberberg | Bodenmais | Bayern | silberhaltiger Bleiglanz, später Magnetkies und Pyrit für Vitriol und Polierrot |
| Salzbergwerk Berchtesgaden | Berchtesgaden | Bayern | Steinsalz im alpinen Haselgebirge, heute als Sole gewonnen |
| Besucherbergwerk Kilianstollen | Marsberg | Nordrhein-Westfalen | Kupfererz |
| Besucherbergwerk Grube Bindweide | Steinebach/Sieg | Rheinland-Pfalz | Eisenerz; Grubenbahn |
| Saalfelder Feengrotten | Saalfeld/Saale | Thüringen | Alaunschiefer, später Ocker; Grube „Jeremias Glück“ |
| Schaubergwerk Morassina | Schmiedefeld (Saalfeld/Saale) | Thüringen | Alaunschiefer für Eisen- und Kupfervitriol sowie Alaun |
Morassina, Schmiedefeld (Thüringen). Neben dem Schaubergwerk Morassina gibt es den Heilstollen „Sankt Barbara“ im Altbergbau, der für Speläotherapie genutzt wird. Eröffnet wurde er nach Angaben der Stiftung Morassina 1996, showcaves.com nennt 1997. Schaubergwerk und Heilstollen sind getrennte Angebote.
Feengrotten, Saalfeld (Thüringen). Das Emanatorium liegt auf der ersten Sohle und ist nicht Teil der regulären Führung.
Silberberg, Bodenmais (Bayern). Stollentherapie in einem Nebenstollen, getrennt von der Führung.
Salzbergwerk Berchtesgaden (Bayern). Der Salzheilstollen ist ein eigener Betrieb neben dem Bergwerk.
Tiefer Stollen, Aalen (Baden-Württemberg). Ein Teil des ehemaligen Eisenerzbergwerks dient als Heilstollen, das schreiben alpen-guide.de und der Geopark Schwäbische Alb. Der Therapiebetrieb läuft seit 1989, so das Bergwerk und die Wikipedia-Liste.
Hella-Glück-Stollen, Neubulach (Baden-Württemberg). Therapiestation seit 1972, siehe oben.
Teufelsgrund, Münstertal (Baden-Württemberg). Das Besuchsbergwerk im Südschwarzwald hat in einem Seitenstollen eine „Asthma-Therapiestation“, so der ADAC; auch showcaves.com beschreibt dort Speläotherapie.
Kilianstollen, Marsberg (Nordrhein-Westfalen). Im ehemaligen Kupferbergwerk wurde 2013 der Heilstollen Marsberg eröffnet, so Wikipedia und showcaves.com.
Grube Bindweide, Steinebach an der Sieg (Rheinland-Pfalz). showcaves.com beschreibt dort einen Heilstollen mit Speläotherapie, und die Website des Bergwerks führt ihn als eigenen Bereich.
Zwei Gruben fallen aus der Liste heraus. In der Zinngrube Ehrenfriedersdorf gab es von 1997 bis 2020 einen Heilstollen, und die Fürstenzeche in Lam hat ihren Therapiestollen 2018 geschlossen.
Wie ein Aufenthalt im Heilstollen abläuft
Der Ablauf ähnelt sich überall. Man fährt oder geht in den Stollen, legt sich auf eine Liege, wird warm eingepackt und atmet. Mehr nicht. Nach Angaben des Deutschen Heilbäderverbands verbringen Patienten bei einer Heilstollentherapie über drei Wochen fünf- bis sechsmal pro Woche jeweils rund zwei Stunden im Stollen. Das Ärzteblatt nannte 1997 Kuren von mindestens drei Wochen mit täglich zwei Stunden. Ein einzelner Besuch ist also etwas anderes als eine Kur, und wer einen Heilstollen im Besucherbergwerk nur einmal kurz betritt, macht noch keine Therapie.
Warme Kleidung ist Pflicht, auch im Sommer. Wer bei rund acht Grad zwei Stunden still liegt, kühlt aus; deshalb gehören Schlafsäcke oder Decken zur Ausstattung, wie das Ärzteblatt beschreibt und das Foto der Grube Bindweide zeigt.
Vor der ersten Einfahrt steht ein Gespräch mit einem Arzt. Das Ärzteblatt nannte schon 1997 Krankheitsbilder, bei denen die Speläotherapie nicht geeignet ist, und das Aalener Bergwerk führt eine eigene Seite zu Heil- und Gegenanzeigen. Ob sich eine Krankenkasse an den Kosten beteiligt, ist ebenfalls eine Frage für Arzt und Kasse; mehrere Betreiber informieren darüber auf ihren Seiten. Wie gut die Wirkung belegt ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert: Der Verband verweist auf Studien, showcaves.com nennt zumindest die Halotherapie umstritten, und das Ärzteblatt beschrieb 1997 die Zurückhaltung vieler Mediziner.
Termine und Bedingungen stehen beim jeweiligen Betreiber. Eine einheitliche Regel für alle Heilstollen Deutschlands gibt es dafür nicht, jeder Stollen hat seine eigene.
Wer im Fichtelgebirge Bergbau ohne Kur erleben will, findet im Bergwerk-Finder die nächsten Gruben. Und wer nach dem Heilstollen auf der Liege lieber mit der Bahn in den Berg fährt: Die Seite über Besucherbergwerke mit Grubenbahn zeigt, wo das geht.

