Bergwerk Werra in Weißenstadt: Uran- und Zinnbergwerk mit Führung
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Auf dem Papier ging es um Zinn. „Zinnerz-Untersuchungsbetrieb“ hieß die Grube am Rudolfstein bei Weißenstadt in den 1950er-Jahren offiziell, tatsächlich wurde dort von 1950 bis 1957 Uranerz gefördert. Im Bergwerk Werra im Fichtelgebirge können Besucher heute einen Stollen betreten, in dem Zinn, Wolfram und Uran gesucht wurden. Seit dem 6. Juli 2016 ist es nach einer Sanierung für geführte Gruppen geöffnet.
Betreiber ist die Stadt Weißenstadt beziehungsweise ihre Gesellschaft KU Kurortentwicklung Bad Weißenstadt. Zum Mundloch geht es zu Fuß, rund 1,3 Kilometer vom Wanderparkplatz Lederer in Richtung Rudolfstein.
Zinnstein, Wolfram, Torbernit: die Erze der Werra
Drei Rohstoffe prägen die Geschichte der Grube. Zuerst Zinnstein, mineralogisch Kassiterit, das wichtigste Erz für die Gewinnung von Zinn. Dazu kam Wolfram. Und schließlich Uran, gefördert als Torbernit.
Torbernit ist ein grünes Uranmineral, chemisch ein Kupfer-Uran-Phosphat. In der Werra war es der Grund für die letzte und bekannteste Phase des Bergbaus. Das Mineral bildet meist dünne, tafelige Kristalle in Gras- bis Smaragdgrün und entsteht nachträglich, dort, wo Wasser und Luft eine Uranlagerstätte zersetzen; so beschreibt es das Lexikon von chemie.de. Purucker ergänzt für Weißenstadt, dass sich Torbernit dort gebildet hat, wo im Gestein Kupfer vorhanden war.
Zinn ist in Weißenstadt allerdings der ältere Rohstoff. Die Stadt verdankte ihre Bedeutung dem Zinnbergbau und der Zinnverarbeitung in der Umgebung, so Wikipedia; ein Faltblatt der Stadt beschreibt den historischen Zinnbergbau am Rudolfstein, zu dem auch die Werra gehört.
Lange wurde dieses Zinn gar nicht unter Tage gewonnen, sondern im Bach. Die Verwitterung hatte Körner aus Zinnstein aus dem Granit gelöst, und die Bergleute wuschen sie aus dem Schutt der Bäche und Hänge heraus. Solche Abbaue heißen Zinnseifen. Das Faltblatt zum GEO-Erlebnisweg, herausgegeben vom Geopark Bayern-Böhmen, beschreibt, wie sich die Seifner dabei die Bachläufe immer weiter hinaufarbeiteten; auch Wikipedia nennt die mittelalterlichen Seifen, an denen der Weg zum Bergwerk vorbeiführt.
Die Spuren sind im Wald zwischen Weißenstadt und dem Rudolfstein bis heute zu sehen. Dazu gehören durchwühlte Gruben, parallele Gräben und der Schwarze Weiher, ein Teich, der in einer alten Zinngrube angelegt wurde und das Wasser für die Zinnwäsche darunter staute.
Für die Stadt war das keine Nebensache. Zur Stadt erhoben wurde Weißenstadt Mitte des 14. Jahrhunderts, kurz nachdem die Burggrafen von Nürnberg den Ort 1347 erworben hatten; das Geopark-Faltblatt nennt dafür die Zeit um 1348. Schon im 14. Jahrhundert hatte Weißenstadt ein eigenes Zinnergericht, also ein Gericht nur für Streitfälle im Zinnbergbau; Wikipedia und das Geopark-Faltblatt nennen es übereinstimmend. Am Rudolfstein selbst wurde laut Wikipedia vor allem der Nordhang umgegraben.
Vom Zinnstollen zum Uranbergbau unter Tarnnamen
Am Anfang stand ein Stollen aus dem 18. Jahrhundert, angelegt auf der Suche nach Zinnstein. Daran knüpfte der Bergbau des 20. Jahrhunderts an.
Zwischen 1929 und 1945 wurde in der Werra Zinn- und Wolframerz abgebaut. Der Zeitraum endet mit dem Kriegsende; nach Angaben der Stadt und von showcaves.com ruhte der Abbau danach zunächst. Warum gerade in diesen Jahren gegraben wurde, liegt nahe: Zinn und Wolfram galten als kriegswichtig. showcaves.com spricht vom Abbau für die Kriegswirtschaft, das Geopark-Faltblatt nennt beide Metalle ausdrücklich so.
In diese Zeit fällt auch die Entdeckung, die alles Weitere bestimmte. Während des Zweiten Weltkriegs leitete der Bergbauingenieur Dr. Albert Kummer die Grube und stieß dabei auf Torbernit. Nach 1949 warb er dafür, das Uranerz abzubauen. So schildern es showcaves.com, das Faltblatt des Geoparks und die Fichtelgebirgsseite des Heimatforschers Erwin Purucker übereinstimmend. Unterhalb des Besucherbergwerks steht heute ein Gedenkstein mit einer Tafel, die an Kummer als ersten Uransucher im Fichtelgebirge erinnert.
1950 begann die dritte Phase, und sie ist der Grund, warum die Werra heute Besucher anzieht. Unter dem Tarnnamen „Zinnerz-Untersuchungsbetrieb“ wurde Uranerz gefördert, Torbernit. Der Name beschrieb, was man nach außen zeigen wollte, nicht was tatsächlich geschah. Der Grund für die Tarnung war handfest: Uranbergbau war in Westdeutschland damals von den Alliierten verboten, so Wikipedia und showcaves.com. Sieben Jahre lang lief der Uranbergbau, 1957 wurde er eingestellt. Damit endete der Bergbau in der Werra endgültig.
Uran für den Forschungsreaktor: die Werra in den 1950er-Jahren
Hinter dem Tarnnamen stand ein großes Unternehmen. Betrieben wurde der Uranbergbau von der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg, die zum Flick-Konzern gehörte; das nennen Wikipedia und showcaves.com übereinstimmend.
Klein blieb die Grube nicht. Zwischen 1949 und 1957 wurde sie nach Angaben der Stadt und von showcaves.com bis in 280 Meter Tiefe ausgebaut, die Strecken erreichten zusammen fast vier Kilometer. Von dieser Ausdehnung ahnt man auf dem kurzen Besucherweg wenig. Ganz einig sind sich die Quellen bei den Zahlen übrigens nicht: Das Faltblatt des Geoparks nennt für die Erkundung bis 1956 eine Tiefe von 240 Metern und rund 3,5 Kilometer Strecken.
Verarbeitet wurde das Erz nicht vor Ort. Nach showcaves.com und Purucker übernahm das die Degussa.
Auch die Politik interessierte sich für die Grube. 1955 besuchte Franz Josef Strauß, damals Bundesminister für Atomfragen, Weißenstadt, ein Jahr später wurde der Uranabbau öffentlich bekannt. Wikipedia nennt dafür einen Bericht der Wochenschau „Welt im Bild“ von 1956.
Wohin das Uran ging, ist ebenfalls überliefert: unter anderem an den Forschungsreaktor München. Aus Weißenstädter Uran wurden außerdem Medaillen geprägt; nach Wikipedia ließ die Maxhütte 1956 insgesamt 62 Stück herstellen. Lange gehalten haben sie nicht. Wikipedia beschreibt das Material als spröde und schnell oxidierend, und Purucker berichtet, dass die Medaillen inzwischen zerfallen.
Die Maxhütte war dabei kein rein bayerisches Unternehmen. Seit 1872 betrieb sie ein Zweigwerk in Unterwellenborn in Thüringen, ein Hochofenwerk, das Wikipedia und die European Route of Industrial Heritage beschreiben; die Eisenbibliothek in Schaffhausen nennt als Grund für den Standort die Nähe zu einem Eisenerzrevier. Dieses Revier ist heute ebenfalls zu besichtigen, im Besucherbergwerk Kamsdorf. In den 1950er-Jahren lag das Thüringer Werk allerdings in der DDR, und Weißenstadt und Kamsdorf hatten trotz des gemeinsamen Namens nichts mehr miteinander zu tun.
Wirtschaftlich trug sich der Abbau nicht. Nach showcaves.com machten sinkende Weltmarktpreise das Uran unrentabel, die Stadt spricht von einer zu komplizierten Lagerstätte, einem zu kleinen Vorkommen und einem unwirtschaftlichen Betrieb. 1957 war Schluss.
Besucherbergwerk seit 2016
Fast sechzig Jahre lag die Grube still. Erst nach einer Sanierung öffnete die Stadt Weißenstadt das Bergwerk am 6. Juli 2016 für Besuchergruppen. Betrieben wird es kommunal, über die KU Kurortentwicklung Bad Weißenstadt, eine Gesellschaft der Stadt. Bei der Sanierung wurde vor allem der Eingang gesichert; Wikipedia und Purucker beschreiben die Arbeiten am Mundloch, also an der Stelle, an der der Stollen aus dem Hang tritt. Mehr zu solchen Begriffen steht im Glossar zur Bergmannssprache.
Besucht werden kann die Werra von Mai bis September. Von Oktober bis April ist der Stollen geschlossen, weil er Fledermäusen als Winterquartier dient. Die Tiere brauchen in dieser Zeit Ruhe, Führungen würden sie stören. Wer im Winter unter Tage will, muss also ausweichen; welche Gruben in der kalten Jahreszeit geöffnet bleiben, steht auf der Seite Besucherbergwerke im Winter. Die Werra gehört nicht dazu, und das ist bei einem Stollen, der vor allem den Fledermäusen gehört, auch richtig so. Nach Wikipedia, der Stadt und showcaves.com überwintern in den Stollen mehrere heimische Fledermausarten.
Führung: Fußweg, Helm und 300 Meter Stollen
Ein Besuch beginnt nicht am Stollen, sondern auf dem Wanderparkplatz Lederer in Richtung Rudolfstein. Von dort sind es rund 1,3 Kilometer zu Fuß bis zum Mundloch, etwa eine halbe Stunde, und dieselbe Strecke zurück. Wer schlecht zu Fuß ist, sollte das einrechnen.
Im Stollen bekommen alle Teilnehmer einen Helm mit Stirnlampe gestellt. Gezeigt werden rund 300 Meter Stollen. Zusammen mit dem Fußweg dauert der Besuch etwa drei Stunden. Rechnet man für Hin- und Rückweg jeweils rund eine halbe Stunde, bleiben für die Zeit am und im Stollen ungefähr zwei Stunden, was für 300 Meter Strecke viel klingt, aber auch die Ausgabe der Ausrüstung und die Erklärungen zur Geschichte der Grube umfasst.
Besichtigt werden kann die Werra nur geführt. Die Anmeldung läuft über die Kur- & Tourist-Information Weißenstadt. Eine Gruppe besteht aus höchstens zehn Personen und einem Führer.
Kinder können ab sechs Jahren mitgehen. Diese Untergrenze nennen die Stadt und showcaves.com gleichermaßen. Für Familien ist allerdings eher der Weg die Hürde als der Stollen: Zusammen mit Hin- und Rückweg ist man rund drei Stunden unterwegs, und Sechsjährige sollten gut einen Kilometer Waldweg pro Richtung ohne Murren schaffen. Wer unsicher ist, fragt bei der Anmeldung nach.
Ein Teil der Erklärung findet schon unterwegs statt. Nach Angaben der Stadt erläutert der Führer auf dem Weg zum Mundloch, wie die Zinn- und Uranvorkommen am Rudolfstein entstanden sind. Am Bergwerk selbst stehen Schautafeln zur Geschichte der Grube und zum Aufbau der Lagerstätte; das Geopark-Faltblatt und Wikipedia erwähnen sie beide.
Im Stollen ist es nass. Die Stadt weist auf mehrere Wasserzuläufe in der Grube hin und stellt neben dem Helm auch wasserdichte Jacken; showcaves.com rät zu wasserdichten Wanderschuhen oder Gummistiefeln, weil der Boden stellenweise unter Wasser steht. Dazu kommt, was für jeden Stollen gilt: eine warme Schicht unter der Jacke, auch an heißen Sommertagen.
Rudolfstein und weitere Bergwerke im Fichtelgebirge
Der Zustieg zur Werra führt in Richtung Rudolfstein, einer Felsgruppe, nach der das Bergwerk auch als Uran- und Zinnbergwerk am Rudolfstein bezeichnet wird. Wikipedia führt den Rudolfstein unter den Sehenswürdigkeiten Weißenstadts als Burgruine und Naturdenkmal; showcaves.com beschreibt ihn als Granitformation.
Unter Schutz steht die Werra gleich mehrfach. Wikipedia und showcaves.com nennen sie ein Baudenkmal, das Gebiet gehört zum Geopark Bayern-Böhmen, und das Mundloch ist eine Station des GEO-Erlebniswegs Weißenstadt, eines geologischen Wanderwegs rund um den alten Zinnbergbau.
Im Fichtelgebirge liegen weitere Besucherbergwerke mit ganz anderen Erzen. Am Gleißinger Fels in Fichtelberg wurde Eisenglimmer abgebaut, in den Besucherbergwerken Goldkronach Gold. Zusammen zeigen die drei, wie unterschiedlich der Bergbau in einem einzigen Mittelgebirge ausfallen konnte. Eine Übersicht über weitere Ziele bietet die Seite Besucherbergwerke.
Wer den Zinnbergbau vertiefen will, fährt nach Wunsiedel. Das Fichtelgebirgsmuseum zeigt dort Abteilungen zu Geologie, Mineralogie und Bergbau, das Herzstück ist nach Wikipedia eine Mineraliensammlung mit rund 2.000 Stücken. Das Geopark-Faltblatt empfiehlt das Museum ausdrücklich für die Geschichte des Zinns. Für den Rest des Tages bieten sich der Weißenstädter See und die Felsen rund um den Schneeberg an; was es dort gibt, steht auf den Seiten zum Fichtelgebirge und zu den Bergen im Fichtelgebirge, darunter auch der Rudolfstein selbst.
Treffpunkt für die Führung bleibt in jedem Fall der Wanderparkplatz Lederer.
Besucherbergwerke in der Nähe
- St. 01Besucherbergwerk Gleißinger FelsFichtelberg · Fichtelgebirge10 km
- St. 02Besucherbergwerke GoldkronachGoldkronach · Fichtelgebirge15 km
- St. 03Besucherbergwerk St.-Veit-ZecheKupferberg · Frankenwald22 km
- St. 04Besucherbergwerk Friedrich-Wilhelm-StollenLichtenberg · Frankenwald36 km
- St. 05Besucherbergwerk KamsdorfKamsdorf (Unterwellenborn) · Saaletal / Orlasenke68 km
- St. 06Schaubergwerk MorassinaSchmiedefeld (Saalfeld/Saale) · Thüringer Schiefergebirge68 km
Häufige Fragen
Kann man das Bergwerk Werra ohne Führung besichtigen?
Nein. Besuche sind nur geführt möglich, die Anmeldung läuft über die Kur- & Tourist-Information Weißenstadt.
Wie weit ist der Fußweg zum Bergwerk Werra?
Vom Wanderparkplatz Lederer sind es rund 1,3 Kilometer pro Richtung, etwa eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Mundloch.
Wann ist das Bergwerk Werra geöffnet?
Von Mai bis September. Von Oktober bis April bleibt es geschlossen, weil der Stollen Fledermäusen als Winterquartier dient.
Wurde im Bergwerk Werra wirklich Uran abgebaut?
Ja. Von 1950 bis 1957 wurde dort Uranerz (Torbernit) gefördert, unter dem Tarnnamen „Zinnerz-Untersuchungsbetrieb“. 1957 endete der Bergbau.
Ab welchem Alter können Kinder an der Führung teilnehmen?
Ab sechs Jahren, so die Stadt Weißenstadt und showcaves.com. Mit Fußweg dauert der Besuch rund drei Stunden.
Quellen
- showcaves.com: Bergwerk Werra
- Stadt Weißenstadt / Kur- & Tourist-Information: Bergwerk Werra
- Wikipedia: Uranbergwerk Weißenstadt
- Wikipedia: Weißenstadt
- Stadt Weißenstadt: Faltblatt GEO-Erlebnisweg
- Erwin Purucker, fichtelgebirge-oberfranken.de: Zinnerzgrube Werra und Uranbergwerk am Rudolfstein
- Wikipedia: Rudolfstein (Fichtelgebirge)
- Wikipedia: Fichtelgebirgsmuseum
- chemie.de Lexikon: Torbernit
- Wikipedia: Maxhütte Unterwellenborn
- European Route of Industrial Heritage (ERIH): Gasmaschinenzentrale Maxhütte
- Eisenbibliothek (Georg Fischer AG): Unterwellenborn

