Stollen am Stephansberg in Bamberg: Sandbergwerk und Führung
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Gesucht wurde unter Bamberg kein Erz, sondern Sand. Unter dem Stephansberg bauten die Bamberger seit dem 11. Jahrhundert Keupersand ab, den sie als Fegsand oder Scheuersand für den Hausgebrauch verwendeten. Aus dem Abbau entstand ein Gangsystem, das nach Angaben der vhs und von showcaves.com fast zwölf Kilometer lang ist. Die Stollenanlagen am Stephansberg sind damit kein klassisches Bergwerk, und doch führt die Broschüre „Von Bergwerken, Hütten und Hämmern“ des bayerischen Wirtschaftsministeriums sie in ihrem Verzeichnis der Besucherbergwerke.
Zugänglich sind sie nur mit Führung. Veranstalter ist die Volkshochschule Bamberg Stadt, der Eingang liegt im Schulhof des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums an der Sternwartstraße.
Sand statt Erz: was unter dem Stephansberg abgebaut wurde
Der Name verrät die Herkunft: Keupersand stammt aus den Gesteinsschichten des Keupers. Darin stimmen die Ministeriumsbroschüre, showcaves.com, inFranken.de und die vhs überein: Gewonnen wurde Sand, kein Erz und keine Kohle.
Verwendet wurde er im Alltag, als Fegsand oder Scheuersand für den Haushalt. Der Abbau begann nach Ministeriumsbroschüre, showcaves.com und inFranken.de bereits im 11. Jahrhundert.
Dass die Gänge im Sandstein des Keupers liegen, bestätigt auch der Geologe Radu Chinta, der 1982 in der Bergbau-Fachzeitschrift „Der Anschnitt“ über die Bamberger Sandgruben schrieb. Diese Schichten bilden die Hügel, auf denen der höher gelegene Teil der Altstadt steht.
Wer an einen Bergwerksbesuch Erwartungen wie im Erzgebirge oder im Fichtelgebirge knüpft, wird am Stephansberg etwas anderes sehen. Erzgänge gibt es hier nicht. Was die Anlage besonders macht, ist ihre Größe unter einer bewohnten Stadt und die lange Kette von Nutzungen, die auf den Sandabbau folgte.
Sandgräber unter der Stadt: Bambergs unterirdische Sandgruben
Der Stephansberg ist kein Einzelfall. Unter dem Hügelgebiet der Altstadt liegen zahlreiche weitere unterirdische Sandgruben. Chinta vermaß sie 1981 im Auftrag des Bergamts Bayreuth und zählte 123 verzweigte Systeme, von denen 109 zugänglich waren. inFranken.de spricht 2017 sogar von 170 Einzelanlagen. Auf welche Zahl man sich auch stützt: Es sind weit über hundert.
Gegraben wurde für den Haushalt. Bamberger Sand diente zum Scheuern, Putzen und Fegen, etwa für Dielen und Tische; das berichten inFranken.de und Bamberg Tourismus, und auch Chinta spricht von Fegsand. Schriftlich belegt ist der Abbau spätestens im ausgehenden Mittelalter: Chinta nennt sichere Angaben für unterirdische Sandstollen seit dem 14. Jahrhundert, inFranken.de verweist auf einen Stadtratsbeschluss von 1487.
Die Arbeit war gefährlich. Anfang des 19. Jahrhunderts schritten die Behörden ein; die Zeitschrift „Frankenland“ nennt 1813, als die Stadt Sandgruben zuschütten ließ, inFranken.de ein Verbot des Polizeikommissariats von 1816. Aufgehört haben die Sandgräber trotzdem nicht. Beide Quellen erzählen auch, wie die Geschichte endete: 1936 kam mit Jakob Körner der letzte Bamberger Sandgräber bei der Arbeit ums Leben.
Der geregelte Abbau unter Aufsicht der Bergbehörde endete nach Chinta schon 1890/95. Bamberg Tourismus formuliert es allgemeiner: Gegraben wurde bis in die Zeit der frühen Industrialisierung.
Lagerkeller für Bier, Wein und Malz
Hohlräume unter der Erde halten eine gleichmäßige, kühle Temperatur, und das machte die ausgebeuteten Gänge wertvoll. Im 17. und 18. Jahrhundert nutzten Bamberger sie als Lagerkeller für Wein, Bier und Malz. Die Ministeriumsbroschüre, showcaves.com und inFranken.de beschreiben diese zweite Phase übereinstimmend.
Aus einem Abbauort war damit ein Lagerort geworden. Chinta beschreibt dasselbe Muster für die Bamberger Sandgruben insgesamt: Nach der Stilllegung erweiterten Brauereien viele von ihnen zu Lagerkellern. Die Gänge, die der Sandabbau hinterlassen hatte, brauchten dafür keinen neuen Vortrieb, nur eine neue Bestimmung.
Fertig war das System damit nicht. Im 19. Jahrhundert kamen weitere Stollen hinzu, das schreiben Bamberg Tourismus und inFranken.de. Ein Teil dessen, was Besucher heute unter dem Stephansberg sehen, ist also jünger als die mittelalterlichen Sandgruben und entstand in einer Zeit, in der die Keller für die Brauereien wichtiger waren als der Sand.
Die Verbindung zum Bier ist am Stephansberg bis heute sichtbar, allerdings über Tage. Direkt neben der Sternwarte, an der Sternwartstraße, liegt der Spezial-Keller, ein Bierkeller der Brauerei Spezial mit Blick über die Altstadt; so beschreibt ihn inFranken.de, und die vhs nennt ihn als Endpunkt einer ihrer Führungen. Wikipedia zählt auf dem Stephansberg eine Brauerei und zwei Bierkeller. Wer nach 90 Minuten im Dunkeln wieder an die Oberfläche kommt, hat also nur ein paar Schritte bis zu dem Ort, an dem die Lagergeschichte der Gänge weitergeht.
Zuflucht im Zweiten Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg bekamen die Gänge eine neue Aufgabe. Sie dienten der Bevölkerung als Luftschutzraum, als Zufluchtsort bei Bombenalarm. Zugleich wurde unter Tage produziert. Beides berichten die Ministeriumsbroschüre, inFranken.de und die vhs. Nach Chinta baute die Stadtverwaltung die alten Sandgruben während des Krieges eigens als Zivilschutzräume aus.
Damit schließt sich eine Linie, die fast tausend Jahre umfasst: vom Sandabbau im 11. Jahrhundert über die Lagerkeller bis zum Schutzraum in den Kriegsjahren.
Unter Tage wurde dabei nicht nur gewartet. Die vhs und showcaves.com berichten übereinstimmend, dass Bamberger Firmen in den Gängen produzierten, geschützt vor Bomben. Welche Betriebe das waren und was sie herstellten, nennen die beiden Quellen nicht im Einzelnen.
Katakomben, Felsenkeller, Sandstollen: viele Namen für dieselben Hohlräume
Wer sich in Bamberg nach den Gängen erkundigt, hört verschiedene Wörter. Wikipedia fasst sie unter „Katakomben, Felsenkeller und Sandstollen“ zusammen, Chinta sprach 1982 von den „mittelalterlichen Katakombensystemen von Bamberg“, Bamberg Tourismus spricht wie der Name der Führung von Stollenanlagen. Streng genommen meint der Bergmann mit Stollen einen annähernd waagerechten Grubenbau, der vom Hang aus in den Berg getrieben wird und ein Mundloch an der Oberfläche hat; mehr zu solchen Begriffen steht auf der Seite zur Bergmannssprache. Mit Katakomben im römischen Sinn, also unterirdischen Begräbnisanlagen, haben die meisten Bamberger Gänge nichts zu tun.
Ganz ohne Grabstätten ging es allerdings nicht. Die Liste der späteren Nutzungen, die Chinta für die Bamberger Sandgruben insgesamt zusammengestellt hat, ist lang, und Wikipedia bestätigt sie in den wesentlichen Punkten: Zufluchtsorte, Versammlungs- und Gebetsräume, ein Gefängnis, Grabkammern und Stollen für die Trinkwasserversorgung. Chinta nennt für einige davon sogar Hausnummern am Kaulberg.
Diese Nutzungen betreffen das ganze Hügelgebiet, nicht speziell den Stephansberg. Für die Führung am Stephansberg sind die Lagerkeller und die Luftschutzanlage aus dem Zweiten Weltkrieg die Themen, die vhs und inFranken.de beschreiben.
Heute dienen nach Wikipedia manche Anlagen als Lagerräume, andere als Ziel für Besucher. Die Stollen am Stephansberg gehören zur zweiten Gruppe; Wikipedia nennt sie ausdrücklich als die Anlage, deren Befahrungen die Stadt Bamberg organisiert.
Führung durch die Stollen: Ablauf und Ausrüstung
Die Führungen organisiert die vhs Bamberg Stadt. Termine stehen im Programm der Volkshochschule und lassen sich auch über Bamberg Tourismus buchen. Eine Führung dauert nach showcaves.com und inFranken.de rund 90 Minuten, die Gruppe ist auf höchstens 20 Teilnehmer begrenzt.
Treffpunkt ist der Eingang an der Sternwartstraße 1/3, im Schulhof des E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums. Einen Zugang ohne Termin gibt es nicht, und weil die Gruppen klein sind und die Führungen über das Programm einer Volkshochschule laufen, lohnt es sich, frühzeitig nach freien Plätzen zu schauen.
Mitzubringen sind drei Dinge: eine Taschenlampe, festes Schuhwerk und warme Kleidung. Der Bereich, durch den die Führung geht, ist nicht beleuchtet. Wer ohne eigene Lampe kommt, sieht wenig.
Gezeigt wird nur ein Teil des Gangsystems. Für Führungen hergerichtet sind nach showcaves.com und freizeitinsider.de rund zwei Kilometer. Wie groß das ganze System ist, ist schwerer zu sagen; die Angaben zur Gesamtlänge reichen von „mehreren Kilometern“ bei inFranken.de über fast zehn Kilometer bei Bamberg Tourismus bis zu den fast zwölf Kilometern bei vhs und showcaves.com.
Bei der Altersgrenze widersprechen sich die Quellen. Ein inFranken.de-Bericht von 2021 und Bamberg Tourismus nennen ein Mindestalter von 8 Jahren, das aktuelle Programm der vhs setzt für alle ihre Führungen 14 Jahre an. Familien mit jüngeren Kindern klären das am besten vor der Buchung mit der vhs.
Zum Kopfschutz raten zwei Quellen dasselbe: Bamberg Tourismus und showcaves.com empfehlen, einen eigenen Helm mitzubringen, am besten einen Fahrrad- oder Kletterhelm, bei showcaves.com idealerweise mit Stirnlampe. Die vhs verweist auf eigene Sicherheitsbestimmungen für die Stollenanlagen, die Bamberg Tourismus zufolge unterschrieben zur Führung mitzubringen sind. Das klingt nach Formalität, zeigt aber, dass es sich um einen ungesicherten historischen Untergrund handelt und nicht um ein ausgebautes Schaubergwerk mit Geländer und Beleuchtung.
Der Stephansberg über Tage: Kirche, Sternwarte, Welterbe
Was unter der Erde liegt, ergibt mehr Sinn, wenn man den Berg darüber kennt. Bamberg ist auf sieben Hügeln gebaut, was der Stadt den Beinamen „Fränkisches Rom“ eingetragen hat; Wikipedia und Wikivoyage nennen den Stephansberg als einen davon, neben Domberg, Michaelsberg, Kaulberg, Jakobsberg, Altenburg und Abtsberg. Die Hügel bilden die Bergstadt, das geistliche Zentrum des mittelalterlichen Bamberg. Zusammen mit Inselstadt und Gärtnerstadt gehört sie zur Altstadt, die seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO ist, so Wikipedia und Wikivoyage.
Ihren Namen hat die Erhebung von der Kirche St. Stephan. Ostern 1020 weihte Papst Benedikt VIII. die Kirche des Kollegiatstifts St. Stephan, in Anwesenheit von Kaiser Heinrich II. und Kunigunde; das berichten Wikipedia und das Sonntagsblatt, das den Vorgängerbau als einziges Gotteshaus auf deutschem Boden bezeichnet, das ein Papst geweiht hat. Nach der Säkularisation ging die Kirche an die evangelische Gemeinde der Stadt. Wer die Stollenführung am Stephansberg mit einem Gang durch die Altstadt verbindet, steht hier also auf einem der ältesten Kirchenplätze Bambergs und zugleich über den Gängen der Sandgräber.
Auch die Straße, an der der Eingang liegt, erklärt sich aus der Nachbarschaft. Auf dem Stephansberg steht die Dr. Karl Remeis-Sternwarte. Die Stadt Bamberg kaufte dafür nach dem Tod des Juristen und Amateurastronomen Karl Remeis ein Grundstück auf dem Stephansberg, so die Sternwarte selbst auf der Website der Universität Erlangen-Nürnberg, und auch Wikipedia führt die Sternwarte unter den Gebäuden des Hügels. Heute gehört sie zur Friedrich-Alexander-Universität.
Ein Sandbergwerk unter den Besucherbergwerken der Region
Im Vergleich mit den Erzbergwerken Oberfrankens ist der Stephansberg ein Sonderfall. Am Gleißinger Fels in Fichtelberg wurde Eisenglimmer abgebaut, in den Besucherbergwerken Goldkronach Gold. Unter Bamberg ging es um Sand für den Haushalt.
Gerade das macht den Besuch lohnend für alle, die Bergbau nicht nur als Erzgewinnung verstehen. Die Stollen zeigen, wie eine Stadt über Jahrhunderte ihren Untergrund nutzte: erst als Rohstofflager, dann als Keller, schließlich als Schutzraum. Weitere Bergwerke, auch klassische Erzgruben, sammelt die Übersicht der Besucherbergwerke.
Für die Anreise genügt die Adresse. Der Eingang liegt an der Sternwartstraße am Stephansberg, im Schulhof des Gymnasiums.
Wer Bamberg als Ausgangspunkt für weitere Gruben in Oberfranken nimmt, findet sie vor allem im Norden und Osten. Im Frankenwald liegen die St.-Veit-Zeche in Kupferberg und der Friedrich-Wilhelm-Stollen in Lichtenberg, im Fichtelgebirge das Bergwerk Werra in Weißenstadt und der Gleißinger Fels. Mit dem Stephansberg haben sie wenig gemeinsam außer dem Prinzip, dass man nur mit Führung hineinkommt. Gerade dieser Kontrast lohnt sich: Erst die Sandgänge unter einer Bischofsstadt, dann ein Erzbergwerk mit Förderanlagen und Lagerstätte, und man versteht, wie weit das Wort Bergwerk reicht.
Besucherbergwerke in der Nähe
- St. 01Besucherbergwerk St.-Veit-ZecheKupferberg · Frankenwald57 km
- St. 02Besucherbergwerke GoldkronachGoldkronach · Fichtelgebirge60 km
- St. 03Besucherbergwerk Gleißinger FelsFichtelberg · Fichtelgebirge69 km
- St. 04Bergwerk WerraWeißenstadt · Fichtelgebirge75 km
- St. 05Schaubergwerk MorassinaSchmiedefeld (Saalfeld/Saale) · Thüringer Schiefergebirge76 km
- St. 06Besucherbergwerk Friedrich-Wilhelm-StollenLichtenberg · Frankenwald80 km
Häufige Fragen
Kann man die Stollen am Stephansberg ohne Führung besuchen?
Nein. Zugang gibt es nur mit einer Führung der vhs Bamberg Stadt; die Termine stehen im Programm der vhs und sind auch über Bamberg Tourismus buchbar.
Was muss man zur Führung durch die Bamberger Stollen mitbringen?
Eine Taschenlampe, festes Schuhwerk und warme Kleidung. Der Bereich, durch den die Führung geht, ist nicht beleuchtet.
Wie lange dauert die Führung am Stephansberg?
Rund 90 Minuten, so geben es showcaves.com und inFranken.de an. Pro Führung sind höchstens 20 Teilnehmer zugelassen.
Ab welchem Alter dürfen Kinder mit in die Stollen?
Die Angaben widersprechen sich: Bamberg Tourismus und ein inFranken.de-Bericht von 2021 nennen 8 Jahre, das aktuelle vhs-Programm setzt für alle seine Führungen 14 Jahre an. Maßgeblich ist, was die vhs beim jeweiligen Termin angibt.
Quellen
- Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie: Von Bergwerken, Hütten und Hämmern
- showcaves.com: Stollenanlagen am Stephansberg
- inFranken.de: Riesiges Stollensystem unter der Stadt
- BAMBERG Tourismus & Kongress Service: Bamberg und seine Stollenanlagen
- vhs Bamberg Stadt: Führungen & Besichtigungen – Stollenanlagen am Stephansberg
- Der Anschnitt (Deutsches Bergbau-Museum Bochum): Radu Chinta: Die mittelalterlichen Katakombensysteme von Bamberg und ihre kulturhistorischen Zeugnisse (1982)
- inFranken.de: Der Tod eines „Sandmännlas“
- Frankenland (Universitätsbibliothek Würzburg): Tatjana Jakob: Der Kaulberg – der siebte Bamberger Hügel
- freizeitinsider.de: Besucherbergwerk am Stephansberg
- Wikipedia: Bamberg
- Wikipedia: Fränkisches Rom (Abschnitt Stephansberg)
- Wikivoyage: Bamberg
- Sonntagsblatt: Geschichte der evangelischen Stephanskirche in Bamberg
- Dr. Karl Remeis-Sternwarte (FAU Erlangen-Nürnberg): Dr. Karl Remeis: Founding Father
- inFranken.de: Keller-Saison beginnt: Das erwartet euch auf den Bamberger Bierkellern

